Last Lecture

Die erste Last Lecture der Stipendiatengruppe Bayreuth der Stiftung der Deutschen Wirtschaft mit Prof. Dr. Volker Emmerich, 17. Juni 2008

Am 17. Juni 2008 fand die erste von der Stipendiatengruppe Bayreuth der Stiftung der Deutschen Wirtschaft veranstaltete „Last Lecture“ statt. Nach dem Vorbild aus den USA, wo „Last Lectures“ bereits zum universitären Alltag gehören und der amerikanische Professor Randy Pausch mit seiner „Last Lecture“ (abrufbar bei Google Video) auch in die deutschen Medien gelangte, kam es so zur ersten „Last Lecture“ an der Universität Bayreuth. Die „Last Lecture“ eines Professors soll zeigen, dass Universität mehr kann als nur Inhalte vermitteln und Professoren auch über ihre fachlichen Kenntnisse hinaus einen enormen Erfahrungsschatz besitzen, der bei den üblichen Vorlesungen nicht zum tragen kommt. Prof. Emmerich, der, wie er sagte, mit einem Kaffeekränzchen gerechnet hatte, war erstaunt über die rund 120 Interessenten an seinem persönlichen Erfahrungsschatz. Aufgrund der hohen Besucherzahl musste die „Last Lecture“ sogar spontan in einen größeren Raum umziehen.

Prof. Emmerich, der 40 Jahre lang als Hochschullehrer und 30 Jahre als Richter am Oberlandgericht Nürnberg sowie ein Jahr als Anwalt tätig war, begann seinen Vortrag mit einer Begründung für seine Berufsentscheidung. Zunächst stellte er diese als reines Zufallsprodukt dar, entstanden aus dem Umstand, dass bereits sein Vater Richter war und ihm selbst nichts Besseres einfiel, sowie aus einigen glücklichen Kontakten zu seinen damaligen Lehrern. Schließlich räumte er aber doch ein, dass seine Berufsentscheidung so zufällig nicht war, sondern er das Richteramt schon immer attraktiv fand und darin auch den Kern der juristischen Tätigkeit sieht. Deshalb war er in seinem Selbstverständnis stets Richter am Oberlandgericht und lediglich nebenberuflich Hochschullehrer. Das hatte allerdings auch damit zu tun, dass die durch das Richteramt entstehende Arbeitsbelastung ungleich höher war, weshalb, so sagte er halb im Scherz, halb im Ernst, er die Senatssitzungen immer nutzte, um Akten zu lesen. Heute fragt er sich manchmal im Nachhinein, wie er es überhaupt geschafft hat, neben der Arbeit am Gericht noch Zeit für seine Mitarbeit in verschiedensten Gremien und die Lehre aufzubringen, die schließlich sein Haupterwerb war, da die Richtertätigkeit damals mit nur 450 DM, voll versteuert, entlohnt wurde. Seine Antwort lautete: Man darf nie mehr Arbeit annehmen, als man realistischerweise bewältigen kann und sollte stets noch Pufferzeiten für Unvorhergesehenes lassen. Dazu kommt seine Überzeugung, dass man keine Minute im Leben verschwenden dürfe, sondern seine Zeit durch eine feste Tageseinteilung sinnvoll nutzen solle. Mit der Zeit werde die Organisation der Arbeit auch immer leichter, da man es lerne könne, in kurzer Zeit intensiv und viel zu arbeiten, z.B. aus dicken Aktenbergen schnell das Wichtigste herauszulesen. Man sollte allerdings nicht verschweigen, dass Prof. Emmerichs Arbeitstag in der Regel 12 bis 14 Stunden umfasst. Vom Richteramt wollte er trotz aller zusätzlichen Belastungen nicht lassen, denn dieses bescherte ihm einen reichen Erfahrungsschatz, den er in seinen Vorlesungen zur Illustration der Studieninhalte anbringen konnte. Außerdem führt, so sagte er, eine langjährige Tätigkeit an einem hohen Gericht zu einer inneren Unabhängigkeit und Souveränität, wie sie kaum eine andere Tätigkeit bieten kann.

Auf die Frage, ob er Unterschiede zwischen dem Studium heute und den Studienbedingungen zu seiner Zeit sehe, antwortete Prof. Emmerich mit nein. Zwar könne er diese Frage eigentlich nicht beantworten, da er heute ja nicht studiert, aber seinem Eindruck nach hat sich nichts geändert. Immer noch haben die Jurastudenten eine Fülle von Stoff zu bewältigen und immer noch steht das BGB im Mittelpunkt des juristischen Studiums. Seit der Studienreform durch Kaiser Justinian vor 1600 Jahren hat sich damit nicht viel am Jurastudium geändert. Auch die Klagen seien immer noch die gleichen: Die Professoren klagen über die Faulheit der Studierenden und die Studenten über mangelndes Engagement der Professoren.

Weiterhin bemühte sich Prof. Emmerich, seinen – meist studierenden – Zuhörern die Sorge vor einer möglicherweise schwierigen Arbeitsmarktsituation zu nehmen. Er erzählte, dass, als er 1957 sein Abitur machte, weitgehend vor der Aufnahme eines Jurastudiums gewarnt wurde, weil man damit kaum einen Job bekomme. Direkt nach seiner Abschlussprüfung 1965 erhielt er jedoch gleich zwei Anrufe mit Stellenangeboten, mit dem Zusatz, die Kammer könne er sich aussuchen. Auf eine Frage nach seiner Einschätzung der momentanen wirtschaftlichen Situation in Deutschland reagierte Prof. Emmerich weniger optimistisch und forderte dazu auf, bloß keinem Politiker zu trauen, sondern stets nach den ganz primitiven Interessen zu fragen, die diese Personen in ihrem Handeln leiten, und so ihren wahren Absichten auf die Schliche zu kommen. Die letzte Frage in der auf den Vortrag folgenden Diskussion zielte darauf, ob er – nun eremitiert – in seinem Leben alles erreicht habe, was er erreichen wollte. In seiner Antwort darauf stellte Prof. Emmerich weniger seine berufliche Laufbahn in den Mittelpunkt, sondern hob vor allem seine Kinder und Enkelkinder hervor.

Die erste „Last Lecture“  war ein voller Erfolg, die über 150 Studenten waren begeistert von den Ausführungen von Professor Emmerich. Auch im Nachhinein hat die Veranstaltung positive Resonanz hervorgerufen und das Konzept der „Last Lecture“ wurde als viel versprechend empfunden, eine Fortsetzung würde sich jedenfalls sehr lohnen.


(Artikel erschienen im Nordbayerischen Kurier, 17. Juni 2008)