Bericht zum Assessment Center

Ablauf
Nachdem ich bereits am Vortag nach Berlin gefahren war, machte ich mich gegen frühen Nachmittag von Berlin auf nach Oranienburg. Von dort brachte ein Bus-Shuttle 15.40 Uhr alle Bahnreisenden zum Schloss und Gut Liebenberg. Wer mit Auto anreiste, musste bis 17.00 Uhr eingecheckt haben.
Im Vorfeld verschickte die sdw eine Teilnehmerliste, so dass man gegebenfalls Fahrgemeinschaften bilden oder sich für den Shuttle-Service anmelden konnte.
In Liebenberg angekommen ging alles sehr schnell: einchecken, umziehen, anmelden im Tagungsbüro und schon begann die Einführungsveranstaltung. Bei der Anmeldung im Tagungsbüro erhielt man einen Plan, der einem die Kommission, die Gutachter, den Gruppenraum und den Zeitplan der Gruppe angibt. Zusätzlich bekam man eine Liste mit den Namen aller Juroren und ihren Arbeitsstellen. Allerdings waren die Gruppenmitglieder nur nummeriert, sodass man die Namen der anderen Gruppenmitglieder nicht kennt. Bewerber für eine Grundförderung wurden in Gruppen von vier Personen zusammen gefasst, wer eine Promotionsförderung anstrebt, bildete mit nur zwei weiteren Bewerbern eine Gruppe.
Nach einer kurzen Begrüßung wurde im Schlosssaal die erste Aufgabe verteilt. Es galt innerhalb von 50 Minuten (eine große Uhr ist in dem Saal vorhanden) einen Aufsatz (für alle das gleiche Thema) zu schreiben. Dazu wurde einem ein liniertes Blatt mit Vorder- und Rückseite zur Verfügung gestellt sowie Konzeptpapier. Am Ende ist alles wieder abzugeben. Das Thema des Aufsatzes war eine kritische Stellungnahme/Diskussion zu einer Karikatur.
Nach ca. 15 Minuten Pause (Kaffee, Tee, Wasser und Apfelsaft standen stets zur Verfügung) fand man sich in seinem Gruppenraum ein. Hier teilten die Juroren uns — nach einer sehr kurzen Vorstellung ihrerseits — die Aufgabenstellung der Gruppenarbeit aus. Kurz wurde uns noch gesagt, wie der zeitliche Ablauf aussieht, den wir auf dem Aufgabenblatt nachlesen konnten, ehe die Uhr gestartet wurde.
Am Ende der Gruppenarbeit sollten wir einen Projektplan für eine Veranstaltung von Stipendiaten für Stipendiaten vorlegen, für dessen Umsetzung uns 5.000 Euro zur Verfügung stehen, wobei wir völlig frei sind hinsichtlich Form (Workshop, Vortragsreihe, Seminar, etc.) und Thema der Veranstaltung.
Im Anschluss fand eine Kennenlernrunde der Bewerber ohne Juroren statt. Damit war die erste Hälfte geschafft und es gab ein sehr gutes Abendessen.
Am nächsten Morgen war frühes Aufstehen angesagt, da bereits um 7.55 Uhr die Präsentationsaufgabe verteilt wurde und davor gefrühstückt und wenn möglich ausgecheckt werden sollte (spätestens bis 10 Uhr). Die Aufgabenverteilung fand wieder gruppenweise statt.
Im Anschluss daran blieb die „Nummer 1“ jeder Gruppe direkt im Kommissionsraum für das strukturierte Interview. Für die anderen begann die Vorbereitung der Präsentation. Die Dauer des Gesprächs variiert zwischen den Bewerbern einer Grundförderung (ca. 30 Minuten) und denjenigen für eine Promotion (ca. 45 Minuten). Meine Juroren begannen mit den zu erwartenden Fragen, warum ich mich bei der sdw beworben habe, was ich mir davon erhoffe, wie ich mich einbringen möchte und warum die sdw meine Promotion fördern soll.
Meine Antwort zur Frage, wo ich mich in zehn Jahre sehe, führte direkt zum nächsten „allgemeinen“ Part. Ich sollte dazu Stellung nehmen, ob die Bundeskanzlerin gut beraten ist und wo ich Europa in 10 Jahren sehe. Schließlich sollte ich mein Promotionsvorhaben in zwei Minuten erläutern, ebenso wie mein soziales Engagement. Wie ich mich über aktuelles Tagesgeschehen informiere, welche Bücher ich lese, was mein größter Erfolg sei und was mein nächstes Ziel, abgesehen von der Promotion ist, waren weitere Fragen. Zu meinem Lebenslauf interessierte sie nur noch, warum ich mich für ein Auslandssemester in Odense (Dänemark) entschieden hatte. Zuletzt kamen natürlich die obligatorischen Fragen, ob sie eine Frage vergessen hätten und ob ich noch eine Frage an sie habe. Ähnliche Fragen stellten sie dem Bewerber 1 meiner Gruppe. Bewerberin 3 hingegen wurde nichts zu ihrem Promotionsvorhaben gefragt.
90 Minuten später war meine Präsentation zum Thema „Demokratie-Export“ angesetzt.
Aufgabe war es pro und kontra zu nennen und seinen eigenen Standpunkt zu erläutern. Für die Präsentation standen allen Gruppenmitgliedern die gleichen Unterlagen (verschiedene Zeitungsartikel, Enzyklopädie-Einträge, etc.) und Materialien (Stifte, Folien, buntes Papier, etc.) zur Verfügung. Die Themen unterschieden sich über die Gruppen hinweg und auch zwischen den Themen für Studierende und Promovierende waren durchaus Unterschiede zu erkennen. Eine andere Gruppe aus Promovierenden hatte die Aufgabe verschiedene Positionen zu Streichungen rassistische Ausdrücke in Kinderbüchern herauszuarbeiten, Studierende hingegen beschäftigten sich mit Mindestlohn, 30-Stunden-Woche und Kinderbetreuung.
Die Präsentation sollte nicht länger als 5 Minuten dauern und man sollte in der Lage sein, eine anschließende Diskussion zu führen.
Für die Bewerber ist somit alles geschafft. Planmäßig findet ein Feedbackgespräch nach dem Mittagessen sowie einer allgemeinen Fragerunde und Selbsteinschätzung statt. Unsere Juroren waren jedoch „von der schnellen Truppe“ und verlegten die Feedback-Gespräche vor die allgemeine Fragerunde, sodass wir dann sehr entspannt noch fast drei Stunden die Sonne und den Schlosspark genießen konnten ehe uns der Shuttle-Bus zum Bahnhof Oranienburg zurück brachte.

Mein Eindruck
Es ist sicherlich typabhängig, ob man am selben Tag anreist oder schon einen Tag vorher in Berlin ankommt, um am nächsten Tag nicht mehr ganz so weit fahren zu müssen. Ich fand es aber durchaus sehr angenehm relativ ausgeruht in Liebenberg anzukommen. Bereits beim gemeinsamen Warten auf den Bus lernte man weitere Bewerber kennen, was durchaus sehr angenehm war. Die Zimmeraufteilung war bereits vorgenommen worden, sodass man keinen Einfluss darauf hat mit wem man sich ein Zimmer teilt und ob zu zweit oder  zu dritt. Meine beiden „Mitbewohnerinnen“ waren individuell angereist und hatten sich bereits die beiden Betten im Schlafzimmer ausgesucht, sodass ich das zusätzlich aufgestellte Bett im Wohnzimmer bezog. Somit hatte ich ein Zimmer zum Schlafen für mich alleine. Die Zimmer sind wirklich super schön und für drei Leute, die nur zum Schlafen da sind mehr als genug.
Nach dem Einchecken blieb mir gerade noch Zeit alles auf mein Zimmer zu bringen und mich kurz umzuziehen ehe ich mich im Tagungsbüro anmelden musste. Alles war sehr gut organisiert und problemlos zu meistern. Die Begrüßung seitens der sdw war sehr freundlich und motivierend. Es wurde uns deutlich gemacht, dass wir das ganze Auswahlverfahren als „Erlebnis“ mitnehmen sollen und wir alle es bis hierhin geschafft haben, weil wir gut sind und nicht an uns selbst zweifeln sollen, wenn wir nicht in die Stiftung aufgenommen werden. Das fand ich sehr beruhigend und die Atmosphäre im Schlosssaal war sehr angenehm, so dass selbst die Prüfungssituation im Anschluss an die Begrüßung nicht so angespannt war wie so häufig in Hörsälen vor Klausuren.
Nachdem ich die Aufgabenstellung für den Aufsatz gelesen hatte, kam mir als erstes der Gedanke: „Das hätte ich vor sechs Jahren deutlich besser hingekriegt.“ Eine kritische Stellungnahme zu einer Karikatur als Aufsatz und nicht nur in einer Klausuraufgabe hatte ich das letzte Mal in der Schule geschrieben. Zunächst begann ich auf dem Konzeptpapier einige Punkte zu notieren, die mir in den Sinn kamen, beschloss jedoch relativ schnell, den Aufsatz gleich auf dem linierten Papier zu schreiben. Insgesamt war dies für mich die perfekte Aufgabe zum Einstieg, da man seine Prüfer nicht direkt gegenüber sitzen hat.
Vor der Gruppenarbeit hatte ich die meiste Angst. Die Tatsache, dass ich mich mit einer anderen meiner Gruppe bereits auf der Busfahrt von Oranienburg nach Liebenberg sehr ausführlich unterhalten hatte und auch unser drittes Teammitglied nach den ersten Sätzen, die wir gewechselt hatten, deutlich erfahrener hinsichtlich Gruppenarbeit als „Prüfung“ schien und durchaus sehr gut darin, beruhigten mich nicht wirklich. Andererseits verstanden wir uns alle drei gut und hätten alle mehr „Pech“ haben können.
Die Entwicklung einer Idee einer studentischen Veranstaltung empfand ich als relativ einfach, auch wenn ich nicht sonderlich kreativ war. Nachdem ich Marcus gebeten hatte, seine digitale Uhr so auf den Tisch zu legen, dass auch ich sie sehen konnte, begann ich dafür mit
der Vorstellung meines Themas. Dieses Handeln war völlig intuitiv. Im Nachhinein war ich sehr froh darüber, da ich so nicht unruhig werden konnte als ich die richtig guten Vorschläge der beiden anderen hörte. Ich benötigte wirklich die zwei Minuten und wurde genau nach zwei Minuten auch von den Juroren auf die Zeit hingewiesen. Insgesamt fühlte ich mich nicht sonderlich gut, da ich ohnehin der Meinung war, dass die Gruppenarbeit meine schlechteste Leistung werden würde, konnte ich jedoch darüber ganz gut hinwegsehen. Da mir die Idee einer anderen aus dem Team sehr gut gefiel und ich sie als passender zur Aufgabenstellung
(„von Stipendiaten für Stipendiaten“) hielt, ergriff ich nach der Vorstellung aller Themen das Wort und argumentierte für ihr und gegen das dritte zur Debatte stehende Thema. Insgesamt waren wir uns sehr schnell einig. Ein Teammitglied schaute während unserer Planungen ständig auf die Uhr und ermahnte uns auch immer, was ich etwas anstrengend fand, aber ganz gut ignorierte. Aus irgendeinem Grund hatte ich die Aufgabe, unseren Projektplan schriftlich fest zu halten, so dass ich den Eindruck hatte, mich nicht so in die Gruppendiskussion einzubringen. Meine ursprüngliche Strategie, zu zuhören und gute Beiträge – wenn auch
wenige – zu bringen war in diesen Minuten wie weg geblasen. Schreiben und alles zusammen zu fassen war genug. Nur ab und an sagte ich etwas, das mir in den Sinn kam. Allgemein war mein Gefühl anschließend gemischt: Froh, dass es vorbei war; schlecht, weil ich mir mit dem
Aufschreiben die einfachste Aufgabe ausgesucht hatte.
Das Abendessen war sehr lecker, doch als um elf die ersten auf die Zimmer gingen, schloss ich mich gerne an. Das Bett, das Zimmer alles waren super, aber die Aufregung ließ mich doch nur sehr unruhig schlafen.
Der nächste Tag begann früh morgens um sechs Uhr. Duschen und nochmals mein Kurz-Exposé zu meinem Promotionsvorhaben lesen, dann frühstücken, auschecken und ab zum Kommissionsraum. Die Präsentationsaufgabe war absolut nicht mein Thema, aber die Möglichkeit in der Sonne die Präsentation vorzubereiten stimmte mich etwas positiver. Meine Vorbereitungsphase wurde von meinem Einzelgespräch unterbrochen.
Das Gespräch begann überpünktlich (ich sollte fünf Minuten vorher da sein). Die ersten Fragen meisterte ich noch ganz gut. Insgesamt war ich jedoch sehr nervös, wobei die Juroren wirklich alles taten, um das Gespräch „angenehm“ zu machen. Richtig erleichtert war ich nicht als das Gespräch vorbei war, da ja noch die Präsentation bevorstand.
Das Thema der Präsentation „Demokratie-Export“ war für mich schwierig, so dass ich nur mit den bereitgestellten Unterlagen versuchte pro und contra abzuwägen. Bezüglich Darstellung entschied ich mich für „weniger ist mehr“ und pinnte nur den Begriff „Demokratie- Export“ an die Pinnwand. Geholfen hat es mir auf jeden Fall, die Präsentation zwei Mal an einem ruhigen Platz im Hof durch zu sprechen. Dabei versuchte ich ca. 4 Minuten zu brauchen um schließlich auf gar keinen Fall mehr als fünf Minuten zu reden. Eigentlich wollte ich sie dann vor dem Kommissionsraum im Kopf ein letztes Mal durchgehen. Das war mir leider nicht möglich, da meine Juroren wieder einmal sehr schnell waren und ich direkt (15 Minuten zu früh) hereingebeten wurde. Sehr nett war es jedoch, dass sie mir sagten, sie schauen zwar auf die Uhr, aber wenn ich länger brauche, stoppen sie mich nicht nach fünf Minuten.
In anderen Gruppen war das jedoch anders. Mein Plan ging jedoch auf und ich war nach vier Minuten und acht Sekunden mit meiner Präsentation fertig. Aufgrund des Themas war ich sehr nervös, wobei die beiden Juroren angenehme Zuhörer waren. Stark irritiert war ich, dass die beiden nach der Präsentation keine Fragen hatten.
In das Feedback nach dem Mittagessen bin ich deutlich entspannter hineingegangen als in die Aufgaben, da ich wusste: „Jetzt ist ohnehin alles gelaufen und ich kann nichts mehr ändern.“ Zum Einstieg fragten die Juroren mich nach meiner eigenen Einschätzung. Als ich ihnen sagte, dass die Gruppenarbeit eindeutig das schlimmste und schlechteste war, merkte ich bereits an ihrer Reaktion, dass sie das wohl nicht so sahen. Das haben sie mir auch kurz gesagt, wollten dann jedoch Aufgabe für Aufgabe vorgehen  und begannen daher mit der Besprechung des Aufsatzes. Insgesamt war ich sehr überrascht, wie gut sie meine Stärken und Schwächen in den wenigen Aufgaben und Gesprächen herausgefunden hatten. Es gab Aussagen der Juroren, die mir Mut machten, dass sie mir die Chance auf ein Stipendium geben, allerdings auch einige, die mich eher glauben ließen, dass es nicht klappen wird. Das Feedback war sehr konstruktiv und sie waren stets sehr freundlich. Daher war für mich danach auch klar: Egal, wie es mit der Bewerbung ausgeht, dieses Abschlussgespräch war auf jeden Fall sehr wertvoll, da ich nun einige Punkte nochmals genannt bekommen hatte, an denen ich arbeiten muss, aber auch, was ich bereits kann.
Abschließend möchte ich sagen, dass von Seiten der sdw alles getan wurde, um den Bewerbern eine angenehme Atmosphäre zu schaffen und das Gefühl übermittelt wurde, dass man auch wenn man kein Stipendium erhält, sehr stolz und zufrieden mit sich sein kann. Trotz aller Anspannung und Anstrengung waren es ereignisreiche Tage, die einen persönlich weiterbringen.